Zugehörigkeit ist keine Prüfungsfrage
Über die Frage, wo du eigentlich hingehörst – und wer sie beantwortet.
August 2026
In Litauen spricht niemand meinen Namen falsch aus.
Kein Buchstabieren, keine Nachfrage, kein kurzes Zögern vor der zweiten Silbe. Die Frau an der Kasse redet mit mir, als wäre ich nie weg gewesen. Eine kleine Sache; sie fällt nur auf, wenn man sie jahrzehntelang nicht hatte.
Ich war drei Wochen dort, im Land meiner Kindheit. Schon am ersten Tag war klar: Ich bin Gast.
Ich kenne die Preise nicht mehr und keine der neuen Parteien. In den Wäldern, in denen ich als Kind jeden Pfad kannte, finde ich mich heute noch ungefähr zurecht. Mein Litauisch ist stehen geblieben, in dem Jahr, in dem wir gegangen sind.
Wobei „gegangen“ das falsche Wort ist. Ich habe nie entschieden, wegzugehen. Ich war 15, meine Eltern haben die Koffer gepackt, und ich war dabei.
An zwei Orten ein bisschen daneben
Small Talk kann ich immer noch gut. Wenn es tiefer gehen soll, gerate ich ins Stocken. Ich suche nach Wörtern, und was rauskommt, sind oft Begriffe aus anderen Sprachen.
Das ist der Zustand, den viele kennen: an zwei Orten verstanden werden und an beiden knapp danebenliegen. Für die einen bist du die, die weg ist; für die anderen die, die von woanders kommt. Beides stimmt, und beides reicht nicht.
Darunter läuft eine Frage mit: Wo gehörst du eigentlich hin?
Die Frage klang lange wie eine Prüfung
Ich habe sie jahrelang so gehört. Als wüsste jemand anderes die Antwort. Als müsste ich mich bewerben, hier wie dort.
Also habe ich mich beworben. In Deutschland den Akzent abtrainieren, die Papiere sauber halten. In Litauen: mehr wissen als ein Tourist, die Verwandtschaft erwähnen, die richtigen Orte kennen.
Beides ist Arbeit ohne Ende, weil es keine Stelle gibt, die je vergeben wird. Eine Bewerbung, auf die niemand antwortet, kannst du dein Leben lang schreiben.
Das gilt auch, wenn du nie umgezogen bist
Ich kenne viele Frauen mit solchen Geschichten, und die wenigsten haben ein Land verlassen.
Manche haben eine Ehe verlassen und sitzen im selben Freundeskreis wie vorher, nur anders platziert. Manche sind aus einem Milieu rausgegangen, in dem ihre Eltern noch leben, und sprechen seitdem zu Hause anders als bei der Arbeit. Die Erste in der Familie mit Studium. Die einzige Frau in einer Runde aus Männern. Die, die in ihrer Branche die Sprache fließend spricht und die Codes nie ganz mitbekommen hat.
Die Bewegung ist überall dieselbe. Du bist an einem Ort, an dem du erkennbar dazugehörst und nicht selbstverständlich. Und du beginnst, den Unterschied auszugleichen. Freundlicher sein als nötig, kompetenter als gefordert. Erklären, bevor jemand fragt.
Auffällig ist, wie unsichtbar dieser Aufwand bleibt, auch für die, die ihn betreiben. Es fühlt sich nicht nach Anstrengung an. Es fühlt sich nach normal an.
Wer da eigentlich prüft
Wann sich das verschoben hat, kann ich nicht sagen. Es gab keinen Moment, eher ein Nachlassen.
Irgendwann habe ich aufgehört, mich zu bewerben – angekommen war ich deshalb nicht. Ich bin in Berlin zu Hause und in Litauen auch, nur anders. Was sich geändert hat: Mir ist aufgefallen, wie die Kommission besetzt war.
Da saß niemand, der Platz war die ganze Zeit frei. Ich hatte ihn selbst besetzt und mir jahrelang Noten gegeben.
Zugehörigkeit ist nichts, was dir jemand geben oder nehmen kann.
Der Satz sieht harmlos aus. Der Unterschied liegt darin, was er kostet. Solange andere sie vergeben, ist Zugehörigkeit ein Versprechen, und du wartest. In dem Moment, in dem du sie dir selbst gibst, wird sie eine Entscheidung mit Folgen.
Du kannst dann nicht mehr sagen, dass man dich nicht reingelassen hat.
Der Vorteil der Prüfungsfrage
Das erklärt, warum so viele so lange in dieser Frage bleiben.
Solange du geprüft wirst, bist du nicht zuständig. Du kannst dich anstrengen, dich verbessern, dazulernen. Du kannst das Ergebnis auf jemand anderen schieben. Du musst nur nicht entscheiden, wo du hingehörst, und du musst dich auch nicht damit auseinandersetzen, was passiert, wenn du dazugehörst und es sich trotzdem nicht so anfühlt, wie du dachtest.
Die Prüfung ist anstrengend und sie ist bequem, beides gleichzeitig.
Was ich in meiner Arbeit am häufigsten sehe: Frauen, die die Antwort längst haben und auf eine Bestätigung warten, die niemand ausstellt. Sie halten das für Vorsicht. Es ist eher eine Zuständigkeitsfrage, die noch offen ist.
Mein Litauisch wird nicht besser werden. Ich werde die Preise weiter nicht kennen und die Wälder nur noch ungefähr. Die Frau an der Kasse wird meinen Namen wieder richtig aussprechen, ohne zu wissen, dass sie mir damit etwas gibt.
Das Weggehen war nie meine Entscheidung.
Das Zugehören schon. 🤍
Ich begleite Frauen, die genug wissen – und endlich handeln wollen. Über mich